Transkript der Podcast-Reihe:
Geschichten für eine lebendige Zukunft

 

Vor kurzem wachte ich aus einem Traum auf, in dem ich ein kurzes Gedicht verfasste und auf eine Postkarte schrieb:

Gern würde ich sagen, ich lebe im stillen Zentrum der sich drehenden Welt,
Meditiere von Anbruch des Tages bis zum Sonnenuntergang
Und bete die ganze Nacht hindurch,
Leichten Fußes wandere ich über die hohen Bergpässe.
Doch hier, wo ich am Rand der Welt lebe, ist es nicht so.

Dieses Gedicht bringt mich dazu, ein wenig von den Fäden zu erzählen, die in mein Leben eingewoben worden sind, und von der Landschaft, in der ich jetzt lebe.

Der erste Faden hatte seinen Anfang vor fast einem halben Jahrhundert mit dem, was man traditionell seine Geburt oder zweite Geburt nennt, als ich zum ersten Mal meine Lehrerin traf, eine ältere, aus Russland stammende Frau, mit weißen, zu einem Knoten zusammengebundenen Haaren. Ein Blick aus ihren durchdringenden blauen Augen gab mir bis in den Körper hinein das Gefühl, zu einem Staubkorn auf dem Boden vor ihr zu werden. Das geschah viele Jahre bevor ich begriff, dass dies ein Vorgeschmack vom Pfad war, vom Prozess der Vernichtung des Egos oder falschen Selbst. Wie es im Ramayana heißt: „weniger als Staub auf den Lotusfüßen deines Gurus.“

Irina Tweedie war gerade aus Indien zurückgekehrt, wo sie von einem Sufi-Meister geschult worden war. Sie hatte in seinem Garten in Nord-Indien gesessen, die wurzellose Wurzel suchend, den grundlosen Grund, und, wie sie sagte: „Ich hatte gehofft, in Yoga unterwiesen zu werden und erwartet, wunderbare Dinge zu hören, doch was statt dessen geschah, war, dass mein Lehrer mich hauptsächlich dazu zwang, mich mit der Dunkelheit in mir auseinander zu setzen, und das brachte mich fast um.“ Er wendete auch ihr Herz und erweckte sie zur göttlichen Liebe und zur Reise der Seele. Denn, wie er sagte, „Wir sind einfache Leute. Aber wir sind fähig, das Herz eines Menschen so zu wenden, dass dieser immer weiter gehen wird, weiter und weiter, bis dahin, wo es sich niemand vorstellen kann.“

Viele Jahre lang saß ich in ihrem kleinen Zimmer in Nord-London, dicht bei den Bahnschienen. Wenn ich in ihre Augen sah, wusste ich, dass sie wusste, und ich wollte diese unmittelbare Erfahrung haben, dieses Namenlose und Unnennbare. Ich erinnere mich nicht mehr viel an das, was gesagt wurde, außer dass sie über ihren Lehrer sprach, von dem Licht in seinen Augen und die Wunder, die um ihn herum geschahen. Und in diesem kleinen Raum war die unsichtbare Präsenz ihres Gurus und all der Meister des Pfads, jener großen Wesen, die vor uns gegangen sind und auf uns schauen.

In der Gegenwart des Lehrers zu sitzen, was man satsang nennt, wurde in meine Seele eingeprägt. Das ist die Lehre, die von Herz zu Herz, von Seele zu Seele weitergegeben wird. Ich machte viele Erfahrungen göttlicher Liebe und der Sehnsucht, der Leidenschaft, die die Seele entflammt, und des Feuers, das alles wegbrennt, was uns zudeckt. Drei Jahre nachdem ich ihr begegnet war, hatte ich an einem Sommernachmittag die intensivste Erfahrung meines Lebens, als ich das zeitlose Licht und den grenzenlosen Raum des SELBST bewusst erfuhr. Für Monate war ich verwirrt, hatte keine Ahnung, wer ich war, noch wo ich mich befand. Aber hier waren Seligkeit und Weiten des Gebets. Tage und Nächte saß ich am selben Platz, denn wo ich war, gab es weder Zeit noch Raum. Mein Verstand, mein individuelles Bewusstsein, war phasenweise gänzlich verloren gegangen. Es brauchte viele Jahre, um zu lernen, völlig von diesem spirituellen Zentrum des Bewusstseins aus zu leben, doch etwas Neues war in mein Wesen hineingeboren worden.

Es folgten andere Erfahrungen, solche, die zur traditionellen Sufi-Reise durch die Kammern des Herzens gehören. So wie wir einen physischen Körper haben, haben wir auch einen spirituellen Körper, wie zum Beispiel im indischen Chakren-System dargestellt. Vor über tausend Jahren entdeckten Sufi-Meister, dass in unserem spirituellen Herzen oder Herz-Chakra verschiedene Kammern oder latâif sind, und sie führten ihre Schüler durch diese Kammern. Für die Wanderer auf dem Sufi-Pfad, sie werden auch die Narren Gottes genannt, ist die spirituelle Reise ein Liebeserlebnis, das sich im Herzen vollzieht.

Sultan, Heiliger, Taschendieb,
Die Liebe packt jeden beim Ohr,
Zieht uns auf geheimen Wegen zu Gott.

Nie habe ich gewusst,
Dass auch Gott sich nach uns sehnt.

Von der äußeren Welt der Sinne, vom Verstand und Ego fort werden wir durch die Liebe und die Sehnsucht nach innen gezogen in das Mysterium dessen, was es wirklich bedeutet, ein Mensch zu sein. Es ist eine Reise nach Hause, zurück zu Gott, den die Sufis als den Geliebten bezeichnen. Die dritte Kammer des Herzens, manchmal das Herz der Herzen genannt, heißt auch Geheimnis oder Sirr. Sirr bedeutet also Geheimnis, und für die Sufis ist es das größte Geheimnis der Schöpfung, dass wir eins sind mit Gott. Unser Geliebter, nach Dem wir uns so sehr gesehnt haben, ist in solcher Intimität in unserem Herzen, dass es dort keine zwei mehr gibt, sondern nur einen. Wir sind mit unserem Geliebten in völligem Einssein. An dieser Stelle erfüllt sich die Liebesgeschichte, eine wirkliche Erfüllung, die in jedem Atemzug in uns lebt – sie ist intim, sie ist Einssein und sie ist Liebe. Sie ist so zärtlich; unser Geliebter ist unser Freund, unser Gefährte, unser Liebhaber, Der immer mit uns ist. Auch wenn wir uns allein gelassen fühlen, ist unser Geliebter doch bei uns. Es ist ein Begegnen, ein Verschmelzen von Liebenden, wie wir sie in der sexuellen Vereinigung herbeisehnen, in der wir uns völlig vergessen: Wir sterben und sind in Liebe aufgelöst. Und doch lässt die Intensität und Süße dieses inneren Zusammenkommens sexuelle Intimität schal erscheinen. Es ist keine Begegnung von Körpern, sondern das Verschmelzen im Herzen, in der Substanz unserer Seele, die süße selige Wonne, die den Körper durchströmt und jede Zelle in dieser intimen Liebesgeschichte mit Leben erfüllt.

Dieses innere Geheimnis des Einsseins spiegelt sich dann in der äußeren Welt, die auch zu einem Ort des göttlichen Einsseins wird. Wir beginnen zu erfahren, wie alles Teil dieses lebendigen Gewebes der Einheit ist. Das ist ähnlich wie die Erfahrung von satori, wenn wir für einen Augenblick das Leben sehen, wie es wirklich ist, ohne Urteil oder Erwartung, wie es sich in Zen-Haikus ausgedrückt findet, zum Beispiel in dem berühmten Gedicht von Basho:

Der alte Teich,
ein Frosch springt hinein,
platsch.

Alles ist in seiner wahren Essenz gegenwärtig, was die Buddhisten Sosein nennen. Die Sufi-Erfahrung unterscheidet sich davon durch das Element der Liebe, alles wird als ein Ausdruck der Liebe gefühlt, das Leben ist eine göttliche Liebesgeschichte – „tritt aus dem Kreis der Zeit und in den Kreis der Liebe.“ Wir leben von diesem Ort des göttlichen Einsseins im Herzen und im Bewusstsein der Welt aus, an dem wir die Nähe mit Gott erfahren und unser wahres SELBST entdecken, unsere göttliche Wesensart, und durch den wir imstande sind, die Dinge zu sehen, wie sie wirklich sind. Wir verbinden uns wieder mit dem Einssein des Lebens, der Einheit des Seins, die aller Existenz zugrunde liegt.

Und dann gibt es noch zwei weitere Kammern: die verborgene und die allerverborgenste. Die mystische Reise führt uns in die ursprüngliche Leere, welche vor und nach der Schöpfung ist. Dies ist eine so vollständige Auslöschung, dass nichts übrig bleibt, keine Wahrnehmung des SELBST, kein Bewusstsein des Einsseins, nichts. Es ist, als würde man in ein schwarzes Loch eingesogen, das alles nimmt, sogar unser Licht. Rumi drückt das so aus:

Du bist ein ortloses Feuer,
In dem alle Orte verbrennen,
Ein Strudel des Nirgendwo
Zieht mich tiefer und tiefer.

Das ist die Leere, die alles umfasst und durchdringt, die ursprüngliche Dunkelheit, welche vor und nach der Schöpfung ist. Das ist die wahre Heimat der Mystiker, die Zustände des Nichtseins, „die dunkle Stille, in der sich alle Liebenden verlieren“, wo man die völlige Freiheit der Nichtexistenz schmecken kann und das einzige Wissen darin besteht, dass niemand mehr übrig ist, um zu wissen. Und dann entsteht etwas aus dieser Leere, in der alles verloren geht, etwas wird zu einem ferneren Ufer, sogar jenseits von Wissen und Nichtwissen, gebracht. Wer oder was in diese andere Landschaft gezogen wird, lässt sich schwer beschreiben, nicht einmal mit den Worten der Liebe. Dies ist das Land der WAHRHEIT, dessen, was WIRKLICH ist, was am gewöhnlichsten ist und am verborgensten.

Dies ist die traditionelle Reise, die sich zu Füßen meiner Lehrerin in tiefen Zuständen der Meditation vollzog. Äußerlich führte ich ein einfaches Leben, ging ans College und wurde Highschool-Lehrer für Englisch, unterrichtete Shakespeare und Lyrik, verliebte mich, heiratete und zog Kinder auf. Aber meine innere Aufmerksamkeit war immer absorbiert, und am Abend, wenn meine Frau nach der Gute-Nacht-Geschichte für meine Tochter eingeschlafen war, drehte ich mich in meinem Zimmer zur Wand und verschmolz im Herzen.

Aber das war eine einfachere, harmlosere Zeit als die Welt heute. Es gab kein Internet und keine sozialen Medien. Das war lange vor der seltsamen verzerrten Welt von Zoom, wo Pixel vorgeben Menschen zu sein. Die Leute fanden ihren Weg zum Lehrer über mündliche Empfehlung oder zufällige Begegnungen, wie es Jahrhunderte lang der Fall gewesen war. Vom Klimawandel war noch nicht viel bekannt, die Wiesen hatten noch Wildblumen und die Meere waren noch nicht mit Plastik angefüllt. Die äußeren Dramen der Welt hatten kaum Auswirkungen auf den Raum, in dem ich mit meiner Lehrerin saß, so, wie sie mit ihrem Lehrer in seinem Garten voller Gerüche und Geräusche Indiens gesessen, und wie er wiederum mit seinem Lehrer, seinem verehrten Guru Maharaj, gesessen hatte. Ihr Zimmer war voller anderer unsichtbarer Welten und den Geheimnissen des Herzens.

Die spirituelle Praxis bringt uns zu unserem innersten Wesen, zum Bewusstsein des SELBST, was auch ein Seinszustand ist. Hier finden wir den Frieden und die Liebe unserer göttlichen Natur und schmecken die Seligkeit, die unserer Seele eigen ist. Haben wir die Schleier der Illusion überwunden, die uns einhüllen, ruhen wir traditionell in dieser zeitlosen Wirklichkeit und sind wach für den Augenblick und unserer Verbindung mit der sichtbaren und unsichtbaren Welt gewahr. Äußerst einfach und gewöhnlich ist es auch ein verborgenes Geheimnis, das zum Urgeheimnis des Lebens gehört. Jetzt, nach einer lebenslangen spirituellen Reise, sind es diese Zustände, die mich rufen, auch erinnere ich mich an frühere im Kloster oder in einer kleinen Hütte an einem Bergbach verbrachte Leben. Wenn ich im Garten sitze und die Streifenhörnchen beobachte, wie sie nach den aus der Vogelfuttersäule gefallenen Samen umherhuschen, oder die Patchworkdecke aus Blüten betrachtete, wie sie sich mit den Jahreszeiten verändert, kann ich die essenzielle Stille fühlen, die alles umgibt und durchtränkt. Doch auch hier, wo die Geister des Gartens so glücklich sind und die Abendluft süß von Geißblatt und Jasmin ist, vermag ich nicht der Toxizität dieser gegenwärtigen Zeit zu entfliehen.

Das ist, was ich in den wenigen Zeilen zu Beginn ausgedrückt habe:

Gern würde ich sagen, ich lebe im stillen Zentrum der sich drehenden Welt,
Meditiere von Anbruch des Tages bis zum Sonnenuntergang
Und bete die ganze Nacht hindurch,
Leichten Fußes wandere ich über die hohen Bergpässe.
Doch hier, wo ich am Rand der Welt lebe, ist es nicht so.

Über die Jahre hat sich unsere Welt verändert, ist eine brutalere, zerbrochene Welt geworden voller Verschwörungstheorien und Verzerrungen durch die sozialen Medien, bedroht durch die Klimakrise und die sehr reale Möglichkeit des sozialen Zusammenbruchs. Die Pandemie hat gezeigt, wie fragil unsere globalen Systeme sind, wie leicht sie durch den Lufthauch eines Virus umgeblasen werden. Wieder einmal leiden die Ärmsten am meisten, und die ethnische und gesellschaftliche Ungerechtigkeit wird augenfällig in den wachsenden Menschenschlangen an den Tafeln und den Klimaflüchtlingen. Sogar hier, wo ich lebe, „am Rand der Welt“, in einem kleinen Ort am Pazifik, ist die Klimaveränderung nur zu gegenwärtig in den ausgedehnten Feuern, die wochenlang unten die Straße entlang brannten.

Welche Rolle hat das spirituelle Bewusstsein in dieser Zeit des Übergangs zu spielen, wo die jungen Leute um ihre Zukunft schreien, die ihnen gestohlen wird? Können innere Erfahrungen der Liebe und des Einsseins als Katalysator für einen echten Wandel dienen? Durch Meditation und Beten erworbene Erfahrungen, die uns zum Erkennen unseres höheren Selbst bringen, können neue Fäden in den Teppich des Lebens weben.

Es gibt viel Arbeit in der äußeren Welt zu tun: die CO2-Emissioinen senken, Bäume pflanzen, Feuchtgebiete renaturieren, auf erneuerbare Energien setzen, unsere Ernährung zu weniger Fleisch- und Milchverbrauch hin ändern und an Modellen für eine Postwachstumsökonomie arbeiten, die unsere gegenwärtige soziale und ethnische Ungleichheit heilen kann. Aber ich glaube, dass unser spirituelles Bewusstsein eine Schlüsselrolle auf unserer Reise zusammen mit der ERDE einnimmt. Ich bewundere sehr den Engagierten Buddhismus von Thich Nhat Hanh, der betont: „Wirkliche Veränderung wird nur stattfinden, wenn wir uns in unseren Planeten verlieben. Nur die Liebe vermag uns zu zeigen, wie wir in Harmonie mit der Natur und miteinander leben und uns vor den verheerenden Auswirkungen durch die Umweltzerstörung und den Klimawandel bewahren können.“

In Liebesbrief an die Erde schreibt er:

„Jeden Morgen, nachdem ich aufgewacht bin und mich angezogen habe, verlasse ich meine Hütte für einen Spaziergang. Meist ist der Himmel noch dunkel und ich gehe behutsam, gewahr der Natur um mich herum und der verblassenden Sterne. Einmal kehrte ich von meinem Gang zu meiner Hütte zurück und schrieb diesen Satz: ‚Ich bin verliebt in Mutter Erde.‘ Ich war so erregt wie ein junger Mann, der sich gerade verliebt hat. Mein Herz schlug vor Aufregung.“

Ist es zu idealistisch zu glauben, dass die Liebe eine essenzielle Eigenschaft ist, das einzig nötige Ding, damit diese Arbeit lebendig wird? Als Mystiker und Sufi habe ich die Liebe als die zentrale, der gesamten Schöpfung zugrunde liegende Energie erfahren:

Eines Nachts sah ich die ganze Schöpfung wie einen Samen, wie einen kleinen runden Gegenstand. Alles – all die Meere und Sterne, all die Bäume und Menschen und Verheißungen und Träume – waren in diesem kleinen runden Objekt enthalten. Alles, was existierte, war da. In vielerlei Hinsicht wiederholte meine Vision die Erfahrung von Juliana von Norwich, der Anachoretin aus dem 14. Jahrhundert:

„Und da ließ Er mich ein kleines Ding schauen in der Größe einer Haselnuss, das in meiner Hand lag, und es war rund wie eine Kugel. Ich blickte es an und dachte: ‚Was mag dies wohl sein?‘ Und mir wurde die Antwort zuteil: ‚Es ist alles, was erschaffen wurde.‘ Und ich staunte, wie es bestehen könnte. Und es wurde mir geantwortet: ‚Es besteht jetzt und immerdar, weil Gott es liebt. Und so haben alle Dinge durch Gottes Liebe ihr Sein.‘“

In meiner Erfahrung war ich mit Gott und erfuhr die Welt als kleinen Punkt, der die ganze Schöpfung enthielt, all die Vögel, die Schmetterlinge, die Pflanzen, die Menschen. Dann sah ich all die Sterne, die Galaxien in einem Energiefeld der Liebe aus Gott herausströmen. Ein endloses, nie abnehmendes Ergießen.

In den letzten Jahren erkannte ich, dass wir Kinder einer Zivilisation sind, die ihren Weg verloren hat, die finanziellen Profit über Wohlergehen stellt und krankhaft ihr Ökosystem zerstört. Und solange wir nicht unseren Weg zurück zur Liebe finden, zur Liebe und Fürsorge füreinander und für die ERDE – in dem Wissen, dass wir alle Teil einer Gemeinschaft sind –, werden alle unsere Bemühungen die Welt nicht ins Gleichgewicht bringen. Jene von uns, die durch die Risse unserer gegenwärtigen Zivilisation geblickt haben, wissen, dass sie stirbt, dass die Geschichten von „grünem Wirtschaftswachstum“ nichts weiter als Fantasiegebilde sind – ist doch unser derzeitiger Lebensstil schlicht unhaltbar. Wir brauchen eine neue Geschichte, eine Geschichte, die uns mit der ERDE und ihrer heiligen Natur wiederverbindet und die darum weiß, wie wir alle miteinander verbunden sind. Und die Liebe ist diese ursprüngliche Verbindung.

Ich laufe gern sehr früh am Morgen und bin dann meist allein am Strand, der Ozean, die Vögel, die winzigen vor und zurück rennenden, die Wellen jagenden Sanderlinge als meine einzigen Begleiter. An manchen Tagen erschafft die über den Landspitzen aufgehende Sonne einen Pfad aus goldenem Licht zur Küste. Ich versuche meinen Geist frei zu machen und in die Landschaft einzutauchen, was ich als Tiefenökologie des Bewusstseins bezeichne, bin dann eins mit der ERDE und fühle meine Liebe für dieses wunderschöne, so verletzte Wesen wie auch eine große Trauer darüber, wie wir ihr zartes Netz zerreißen.

Heute war der Nebel dicht, und ich konnte gerade noch in einiger Entfernung zwei Gestalten erkennen, die gleich darauf im Dunst verschwanden, zwei Reihen Fußspuren im Sand hinterlassend, bis die auflaufende Flut sie fortspülte. Das brachte mich zu der Frage, was in hundert Jahren noch da sein wird, wenn die Enkelkinder meiner Enkelkinder leben? Wird der steigende Meeresspiegel die Dünen überspült haben? Die Klimakrise wird bis dahin zum ständigen Begleiter geworden sein, und viele der heutigen Dramen werden sich in einem weitaus größeren Szenarium grundlegender Veränderungen aufgelöst haben. Was sind die Fäden, denen wir in dieser unsicheren Landschaft folgen können? Wie können wir in der Gegenwart leben und uns doch für eine unbekannte Zukunft bis in sieben Generationen und mehr vorbereiten, kreativer teilhaben und sowohl die Heilung als auch die Neugeburt ermöglichen?

In dieser jetzigen Zeit des großen Auflösens lassen sich viele Fäden verfolgen, Degrowth und Reziprozität, soziale Gerechtigkeit und Resilienz, Renaturierung, Agrarökologie sind nur einige der Möglichkeiten für die Zukunft. Wie diese Fäden in eine neue Szenerie für die Menschheit eingewoben werden können, wird das große Abenteuer der kommenden Jahrzehnte sein, Teil der Großen Wende, wenn wir zu einer Leben erhaltenden Zivilisation umkehren – einer, die nicht auf Kolonialisierung und Ausbeutung basiert, sondern auf der Beziehung zur lebendigen ERDE.

Doch wesentlich für die gegenwärtige Tragödie ist, dass wir die Verbindung zur ERDE verloren haben. Durch unsere Herzen und durch unsere Füße können wir wieder fühlen, was unsere Kultur vergessen hat: Ihre heilige Natur. Beobachte ich den Flug der Pelikane, wie sie über den Schaum der Wellen dahinjagen, ihre Flügelspitzen fast das Wasser streifend, erfahre ich das als etwas, das im Augenblick gegenwärtig, zugleich aber auch tief innen verbunden ist mit unseren uralten ererbten Erinnerungen, mit Generationen von Vorfahren, die in Gemeinschaft mit der ERDE lebten, was Thich Nhat Hanh Intersein nennt.

Es gab eine Zeit, da sprachen wir dieselbe Sprache, wussten, wie man dem Wind lauscht und dem Regen, waren Teil des Laufs Ihrer Jahreszeiten. Und jetzt brauchen wir Ihr altes Wissen, wenn wir zusammen in diese ungewisse Zukunft gehen wollen, im Sonnenlicht wie auch im Mondschein, in der Welt der Vernunft und der Welt des Träumens. Diese Art des Wissens wurde früher um das Feuer geteilt, in Geschichten erzählt und von Generation zu Generation weitergegeben. Das war so natürlich wie das Atmen, man musste sich nicht erinnern, denn es wurde nie vergessen. Wie kann man den Wind im Gesicht oder den Gesang der Vögel vergessen? Wie das Steigen und Fallen des Wassers bei Ebbe und Flut? Das waren keine in Büchern aufgeschriebenen Geschichten, sondern sie wurden von Tagesanbruch bis zur Dämmerung gelebt, bis die Traumzeit andere Fäden in den Schein des Feuers webte.

Bis wir vergaßen, waren wir immer wach in einer vieldimensionalen Welt, die ein tiefes Gefühl der Zugehörigkeit vermittelte, ein Zuhause-Sein, das wir mit den Pflanzen im Garten und den Tieren im Wald teilten. Es war eine Zeit, als die Bäume noch Geister waren und nicht nur Nutzholz. Neulich, morgens, als ich zeitig unterwegs war, sah ich ein Pärchen Waschbären verstohlen über den Rasen der Nachbarn laufen, und ich konnte unsere Verwandtschaft spüren, genau wie bei dem Fuchs, den ich schlafend auf einem runden Felsstein bei unserem Blumenbeet entdeckte. Diese Anwesenheit des Lebendigen spricht mich an, erinnert mich. Ich fühle, dass es genau diese Landschaft ist, die wir brauchen, damit sie uns auf Weisen unterstützt, die unser rationales Selbst nicht versteht, unser älteres Bewusstsein jedoch willkommen heißt.

Unsere gegenwärtige Erzählung ist zerbrochen, ihr Mythos von Fortschritt und endlosem Wirtschaftswachstum hat den Ökozid heraufbeschworen. Die Natur in ihrer Schönheit wie auch ihrer Gewalt ruft uns, umzukehren und wieder an der „Großen Unterhaltung“ teilzunehmen, in der noch Wind und Sterne mit uns sprechen. Während wir diese Grenzlandschaft zwischen den Erzählungen, zwischen den Zivilisationen durchreisen und die tiefe Unsicherheit einer sich auflösenden Zivilisation erfahren, brauchen wir das Gefühl der Zugehörigkeit, nicht zu einer politischen Ideologie, einer Ethnie, einer Nation, einer Verschwörungstheorie, sondern zu einer lebendigen Präsenz, die uns durch Tausende von Jahren gehalten hat, auch damals schon, als wir in kleinen Gruppen von Jägern und Sammlern umherzogen und noch dieselbe Sprache sprachen wie die Pflanzen und Tiere. Damals waren wir wach mit all unseren Sinnen und standen durch Zeremonien und Träume im Austausch mit den sichtbaren und unsichtbaren Welten, lange bevor wir das Land „besiedelten“ und dann vergaßen, dass es heilig ist.

Hier, am Rand der Welt, beobachte ich die Wellen. Und ich erinnere mich, wie ich vor einem halben Jahrhundert in dem kleinen Zimmer meiner Lehrerin in Nord-London saß und zum ersten Mal an diesem Ort der Wunder deutlich die unsichtbaren Welten und die Gegenwart spiritueller Meister spürte. Ich frage mich, wie wir unser spirituelles Erbe so vergessen konnten, diese Meister und Lichtwesen, die hier sind, um uns und der ERDE zu helfen, die uns unterstützen, die Samen für eine neue Zivilisation auszubringen, für eine Zivilisation, die aus der Liebe und der Einheit entsteht und die Verbindung zur lebendigen ERDE ehrt. Ich weiß, dass wir zu dem zurückkehren müssen, was essenziell ist, auch wenn wir diese Samen mit unseren Tränen darüber wässern, wie wir die ERDE preisgegeben haben. Ich weiß, dass die spirituelle Suche nicht etwas vom Leben Getrenntes ist, sondern eingewoben in die Ursprünglichen Weisungen, die den ersten Weisheitshütern gegeben wurden. Meditation, Gebet, die Geheimnisse des Herzens und die Wunder der Schöpfung, ihre Schönheit, ihre Weisheit sind alle Teil des großen Lebensteppichs, der sich bis zu den Sternen und darüber hinaus erstreckt. Und jene von uns, die der Liebe angehören, die Sorge tragen für die ERDE, können beginnen, einen neuen Faden in diesen Teppich zu weben, der die Farben der nächsten Ära trägt, die nicht die einer zerstörten Welt voller Gier und Ausbeutung ist, sondern der Erdmagie, die wieder lebendig wird wie am Ersten Tag.

Und vielleicht wird sich eines Tages, weit in der Zukunft, das Herz der Welt öffnen und anfangen zu singen, wie es für unsere Vorfahren vor langer Zeit gesungen hat. Und in diesem Lied werden wir erfahren, wie alle Pflanzen und Tiere, Berge und Flüsse, Vögel und Schmetterlinge ihre eigene Magie, ihre eigene Botschaft haben und wie alles zu dem lebendigen Teppich göttlicher Liebe gehört.