Transkript der Podcast-Reihe:
Geschichten für eine lebendige Zukunft

Manchmal laufe ich nachts, wenn der Schlaf sich mir entzieht, auf der Straße entlang der Bay. Längst sind keine Autos mehr unterwegs, nur das Geräusch des Winds und die kreischenden Reiher vom nahe gelegenen Feuchtgebiet begleiten mich. Früh an diesem Morgen begegnete ich einer Rotwild-Familie, die mich vom hohen Gras aus beobachtete, bevor sie in die Stille entschwand. Dann entdeckte ich durch die Bäume den Blutmond in seiner Verfinsterung – ein urgewaltiges Mysterium, tief verankert in unseren ererbten Erinnerungen, bevor Wissenschaft und Vernunft unser Bewusstsein verschatteten. In der unberührten Dunkelheit konnte ich eine frühere Landschaft spüren, die noch nicht von Zufahrten, Häusern und Rasen zerschnitten war, wo die Wege eher wie die Wildpfade waren, die vom Rand meines Gartens in den tieferen Wald führen.

Ich sehne mich nach dieser Landschaft zurück, die nur kurz hinter dem liegt, was meine Füße erlaufen können. Ich sehne mich danach zurück, als der Mond und die Sterne die einzigen bekannten Lichter in der Dunkelheit waren und meine Sinne wacher, um wie das Wild zu beobachten. In den frühmorgendlichen mondbeleuchteten Schatten begegnete ich diesem alten Selbst, und wir gingen gemeinsam, bis ich merkte, wie ich den Hang hinauf zu den Lichtern meines Hauses stieg und zu ein paar Stunden Schlaf, bis die Morgendämmerung heraufzog.

Wir warten am Rand der Klimakrise und des möglichen sozialen Zusammenbruchs, warten in absoluter Unsicherheit und in Nichtwissen, was an unserem Lebensnerv zu zerren beginnt. Die Pandemie hat uns die Anfälligkeit unserer Systeme gezeigt – wie leicht sie versagen, wie schnell Krankenhäuser und Ärzte überfordert sind, wie die Schlangen bei den Tafeln immer länger werden und die globalen Versorgungsketten zerbrechen. Auch jetzt bleibt, trotz Fortschritten bei der Impfung und unserer Sehnsucht, diesem Trauma zu entkommen und zur Normalität zurückzukehren, ein Schatten, der seinen Ausdruck in Verschwörungstheorien und Spaltungen in den Sozialen Medien findet. Was ist die „neue Normalität“? Wir sind in eine düsterere Welt gelangt, ohne wirklich zu merken, wohin wir gehen, oder zu wissen, was wir an Widerstandsfähigkeit für eine gemeinsame Reise brauchen.

Die Finsternis eines Blutmonds wurde früher als ein Omen betrachtet. Die alten Chinesen glaubten, dass der Himmel und die Menschen eine Einheit sind, dass unser Schicksal und das Firmament im Zusammenhang stehen und solch ein Ereignis eine Katastrophe voraussage. Im Halbdunkel gehend weiß ich nichts über Omen, aber ich fühle, wie sich unsere Welt verändert hat, wie sie, was unser kollektives Schicksal betrifft, einen Kipppunkt überschritten hat. Aus diesem Grund löst es die Sehnsucht nach der Rückkehr in eine einfachere Zeit aus, als die ERDE numinos war und voller Zeichen, die den Rand unseres Bewusstseins streiften: „voll Tön‘ und süßer Lieder, die ergötzen und niemand Schaden tun“.1 Aber unsere gegenwärtige Realität ist härter, voll der Fakten über Schadstoffe in der Luft, immer mehr Plastik im Wasser und Gifte in der Erde. Hier ist das einzig Geheimnisvolle, wieso wir diese Zeichen so leicht ignorieren können und weiter blindlings in ein Zeitalter der Auslöschung steuern.

Können uns Wissenschaft und Technologie mit ihren Träumen von CO2-Speicherung und sauberer Energie wirklich retten, wenn sie es doch sind, die uns an den Klippenrand fortdauernden Ökozids gebracht haben? Der Mythos vom ewigen ökonomischen Wachstum hält uns gebannt und lässt uns blind sein für eine tragfähigere Lebensweise. Diese Träume sind zu Alpträumen geworden, und doch haben wir nicht den Mut, uns einzugestehen, dass es nichts weiter als Geschichten sind, die wir uns ständig wiederholen. Während ich im Halbdunkel des Mondes gehe und mir meine Füße frühere Geschichten einer lebendigen ERDE erzählen, empfinde ich eine Zugehörigkeit, die ich im Sonnenlicht verliere.

Wie viele Jahrzehnte werden wir noch durch eine vergiftete Landschaft reisen müssen, bis wir dahin zurückkehren können, wo die Wasserläufe klar fließen? Schauen wir in eine Zukunft von sieben Generationen oder mehr, können wir dann diesen Garten erahnen? Werden die Enkelkinder meiner Enkelkinder dort spielen können, wo die Luft sauber ist? Was wird es uns kosten, umzukehren, den Wunsch, die Natur zu bezwingen, aufzugeben und uns zu erinnern, dass wir in der Essenz mit der ERDE in einem ursprünglichen Bewusstsein verbunden sind? Und dieses Bewusstsein ist nicht rational, folgt nicht immer den Gesetzen der Wissenschaft, sondern es ist auch magisch, spricht mitunter in Symbolen, und Berge und Flüsse können Geister sein, und alles ist heilig.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt des großen Auflösens kann man vielen Fäden folgen: Degrowth und Reziprozität, gesellschaftlicher Zusammenbruch und Resilienz, Renaturierung, Agrarökologie, um nur einige der Möglichkeiten für die Zukunft zu nennen. Wie diese Fäden in ein neues Bild für die Menschheit eingewoben werden, ist das große Abenteuer der kommenden Jahrzehnte, Teil der Großen Wende, wenn wir zu einer lebenserhaltenden Zivilisation zurückkehren – eine, die nicht auf Kolonialisierung und Ausbeutung beruht, sondern auf der Beziehung zur lebendigen ERDE. Doch wir sollten auch den älteren prä-rationalen Teil unseres Bewusstseins miteinbeziehen, denn dieser ist es, durch den die ERDE zu uns sprechen und uns Ihre Geschichten und Ihre Geheimnisse erzählen kann. Hier können die heiligen Namen der Schöpfung, die Namen, die die heilenden Eigenschaften der Pflanzen und das instinktive Wissen der Tiere transportieren, wieder Teil unserer gemeinsamen Sprache werden.

Es gehört zur Tragödie der Jahrhunderte der Trennung, dass wir von der Weisheit der ERDE abgekoppelt worden sind. Wir brauchen jedoch Ihr uraltes Wissen, wenn wir gemeinsam gehen wollen, im Sonnenlicht wie im Mondschein, in der Welt der Vernunft und der Welt des Träumens. Diese Art des Wissens wurde früher beim Schein des Feuers geteilt, in Geschichten erzählt, von Generation zu Generation weitergereicht. Das war so natürlich wie das Atmen, es musste nicht erinnert werden, denn es wurde nie vergessen. Wie kann man den Wind, der einem übers Gesicht streift, vergessen oder den Gesang der Vögel? Wie das Fallen und Steigen des Wassers bei Ebbe und Flut? Dies sind keine in Büchern niedergeschriebenen Geschichten, sondern sie werden vom frühen Morgen bis zur Dämmerung gelebt, bis die Traumzeit eine andere Textur in den Schein des Feuers webt.

Bis wir vergaßen, waren wir immer wach in einer vieldimensionalen Welt, die ein tiefes Gefühl der Zugehörigkeit vermittelte, ein Zuhause-Sein, das wir mit den Pflanzen im Garten und den Tieren im Wald teilten. Neulich morgens, als ich zeitig unterwegs war, sah ich ein Pärchen Waschbären verstohlen über den Rasen der Nachbarn laufen, und ich konnte unsere Verwandtschaft spüren, genau wie neulich, als ich einen Fuchs schlafend auf einem großen runden Stein bei unserem Blumenbeet entdeckte. Diese Anwesenheit des Lebendigen spricht mich an, erinnert mich. Ich fühle, dass es genau diese Landschaft ist, die wir brauchen, wenn wir in eine ungewisse Zukunft reisen. Sie kann uns auf Weisen unterstützen, die unser rationales Selbst nicht versteht, unser älteres Bewusstsein jedoch willkommen heißt.

Mit dem Zunehmen und Abnehmen des Monds gehören wir einer Zeit an, die zyklisch ist, die uns nicht durch die Tage hetzen will. Und ein Blutmond ereignet sich nur etwa zweimal im Jahr, wenn der Mond durch den Kernschatten der Erde wandert und dabei ein orangerötliches Leuchten entsteht. Indem ich das stille Halbdunkel der Nacht beobachtete, legte sich das Wirrwarr an der Oberfläche meines Lebens, dieser Lärm, der so leicht meine Aufmerksamkeit schluckt. Ich kann fühlen, dass die ERDE kein Problem ist, dass es zu lösen gilt, sondern ein Lebewesen in Not, verletzt von unserem Missbrauch an Ihr, durch unsere endlose Gier, doch zugleich auch auf unsere Rückkehr wartend, auf dass wir zu einem Ort des Ausgleichs zurückkommen, wo wir endlich wieder erkennen können, wie wir zu der lebendigen Gemeinschaft gehören, die Leben heißt. Das muss der grundlegende Schritt jeder Reise in Richtung Heilung sein, der einzige Schritt, der uns die Unterstützung gibt und das Wissen, das uns die wahre Resilienz für unsere gemeinsame Reise in diesen sich verdunkelnden Tagen verleiht.

Die folgende Nacht vermochte ich zu schlafen, und als ich aufwachte, schien der Mond wieder durch die Bäume, und sein silbriges Licht fiel in mein Zimmer. Er war weiter rund, aber nicht mehr blutrot. Ich empfand kein Omen, aber etwas Geheimnisvolles – Freund der Dichter, Liebenden und Nachtwanderer. Während wir auf die Klimakatastrophe zusteuern, bietet sich uns ein anderer Pfad an: einfach, fast verborgen wie der Rotwildpfad in den Wald. Doch das verlangt von uns zu beobachten, zu lauschen, auf Weisen aufmerksam zu sein, die uns für einen älteren Sinn in unserem Körper und unserer Seele und in der ERDE Selbst aufwachen lassen. Hier sind wir Teil des Lands, versuchen nicht zu dominieren oder zu kontrollieren, sondern erlernen wieder die alten Wege und die Sprache, die von Anbeginn mit uns war, bevor wir vergessen haben.

 


ANMERKUNGEN

(1) Shakespeare: Der Sturm, III. Akt, 2. Szene