Transkript der Podcast-Reihe:
Geschichten für eine lebendige Zukunft

Während ich beobachte, wie die Sonne über dem Feuchtland aufgeht und die Nebel sich lichten, erfahre ich die seltsame Stille einer Welt im Lockdown – mit Warten, Sich Fragen, Besorgnis und Angst als ihre Begleiter. Ich schreibe diese Worte in der Zeit einer großen Pandemie, als die Welt sich für wenige, kurze Monate verlangsamte und fast stehen blieb; als die Stille um uns zunahm und ein Augenblick entstand, in dem ein anderes Lied als das von Fahrzeugen und Handel zu hören war: ein Lied, das dem Samen einer Zukunft angehört und von unseren Herzen vernommen werden muss.

Dieses Lied kommt von einem Ort, wo die Engel anwesend sind, wo das Licht geboren und die Zukunft geschrieben wird. Das ist eine Zukunft, die auf den Anfang zurückgeht, in die Zeit, als der Menschheit die Namen der Schöpfung gegeben wurden, als die Wasser rein waren und die Pflanzen und Tiere ihre wahre Bestimmung sangen und wir mit Lobpreisen und Danksagen zugegen waren.1

Und jetzt, auch wenn tausende von Jahren vergangen sind, Zivilisationen entstanden und verfielen, sogar jetzt, in dieser Zeit des großen Vergessens – wo die Quellen versiegt sind, wo die Luft vergiftet ist, wo wir uns am Ende einer Ära inmitten eines großen Aussterbens befinden –, ist diese essenzielle Note wieder in meinem Bewusstsein gegenwärtig, dieses Lied der Engel, das auch das Lied der Schöpfung ist, von allem, was geboren wird und ins Dasein tritt. Ohne diese Rückkehr zur QUELLE kann nichts Wahres ins Entstehen kommen; es sind dann nur weitere Schichten der Verzerrung, weitere Schleier, die uns das, was wirklich ist, verdecken. Dabei ist diese Note von der QUELLE so einfach. Sie ist keine Antwort auf eine Frage, denn in der Unkompliziertheit des SELBST gibt es keine Fragen. Gleich einer Knospe, die im Frühling aufspringt, ist sie nur – das Leben, das nach einem langen Winter, nach Stürmen und Schnee zurückkehrt.

Ich will versuchen, die Geschichte von diesem Anfang zu erzählen, von dieser Note der QUELLE, diesem Ort des reinen Seins. Denn Erzählungen sind das, was das Ungeborene ins Leben bringt, es ermöglicht, dass ihre Lieder vernommen und verstanden werden. Erzählungen sind das, was uns in die vielen Farben der Existenz einwebt, uns an die Hand nimmt und in den Kreis des Lebenstanzens führt. Und in dieser Zeit – wo wir von all den Zeichen einer Zivilisation umzingelt sind, die ihren Weg verloren und vergessen hat, was heilig ist, – ist es lebenswichtig, dass wir erkennen: Ein neuer Tanz beginnt, eine neue Note der Liebe, welche die Menschheit und das Netz des Lebens miteinander verbindet.

Jede Kultur hat ihre Schöpfungsgeschichte, sei es der Garten Eden des jüdisch-christlichen Raums, oder das Große Licht, das mit Skywoman, der Himmelsfrau, beim Volk der Haudenosaunee2 zur Erde fällt. Sie erzählt uns, wo wir von Beginn an zugehören und wie dieser Anfang dann in unsere Leben hineingewirkt ist. Und viele Jahrhunderte leben wir diese Geschichte: Wir sind ein Volk nach dem Sündenfall, verbannt aus dem Paradies, führen ein Dasein „im Schweiße unseres Angesichts“, oder wir befinden uns in der Großzügigkeit eines Landes, wo der Gute Geist Ihr Volk beschützt. Und jetzt, am Ende einer Ära, wo diese Geschichten meist nur noch in Büchern erinnert werden und wo wir leben, ohne dass unsere Füße wirklich die Erde berühren, gibt es die Möglichkeit einer neuen Erzählung – eine, die die Süße dieses ersten Frühlingstags mit sich bringt, als die Sonne sich rundete und das Land erwärmte und alles als heilig empfunden wurde. Und wenn wir die Note dieses Neubeginns nehmen und sie in unsere Erzählungen und Lieder einweben und sie zu einem Erinnern machen können, das in jedem Moment lebendig ist, dann kann die Erde geheilt werden und ein neuer Lebenszyklus anfangen. Oder wir bleiben verloren in den Trümmern der Welt stecken, die wir aus Beton und Metall erschaffen haben, und wissen längst nichts mehr von der heiligen Natur des Lebens.

Natürlich gebe ich auch meine eigene Geschichte wieder, denn alles, was wir wahrhaft erzählen können, ist unsere eigene Geschichte – das, was uns leben lässt und uns Sinn gibt. Und unsere eigene Geschichte ist unser größtes Geschenk an das Leben, sofern wir den Faden finden können, das Lied unserer eigenen einzigartigen Geschichte, und sie von allen anderen Geschichten um uns herum entwirren, besonders von den dunklen Träumen der Konsumkultur, den kollektiven Narrativen von Gier und Verlangen, die das Netz des Lebens zerstören. Wenn es uns gelingt, uns der wesentlichen Geschichte unserer eigenen Existenz zuzuwenden und sie freizulegen, können wir das, was wirklich ist, der Erde zurückgeben, die sich nach dieser einfachen Nahrung sehnt, nach dieser Songline einer Seele. Die Erde hat uns in ihrer endlosen Großzügigkeit das Leben und die Gelegenheit geschenkt, unsere Geschichte zu leben, und damit geben wir ihr dieses Geschenk, diese Note der Liebe, zurück. Vor vielen Jahren ist mir gezeigt worden, wie das eine Gabe auf dem Altar des Lebens sein kann:

Warte, bis du deine eigene Geschichte wie einen Traum empfindest, wie eine Möglichkeit, und bringe sie dann der Erde als Gabe dar. Schenke der Erde deine eigene Geschichte, reich an Sinn und Möglichkeiten und erfüllt vom Lied der Seele, diesem uralten Lied, so alt, dass es vor Anbeginn geboren wurde und doch um die Bedeutung der Zeit weiß. Die Erde ist so sehr zerstückelt worden, dass sie wieder um die Ganzheit wissen, ihr die Ganzheit geschenkt werden muss. Was du darbieten kannst, ist deine eigene Geschichte, die deine Ganzheit ist, die Essenz deines Werdens als Samen für das Herz der Welt.

Meine eigene Geschichte begann an einem Sommertag, als ich sechszehn war und ein Zen-Koan über Wildgänse las, das mir ein Tor in eine Welt voller Wunder öffnete. Bis dahin hatte ich die Geschichte meiner Eltern gelebt, eine graue obere Mittelklasse-Kindheit mit Internat, kalten Bädern und Sport. Ich fing dann an zu meditieren und bekam Zugang zu Zuständen der inneren Leere, aber auch einen Schlüssel zu einer Welt voller Licht und Lachen, Sonnenlicht, das sich funkelnd auf dem Wasser spiegelt. In meinem Internat gab es einen Garten am Fluss, wo ich nach dem Unterricht hinging und in dieser erwachenden Welt des Wunders, der Farben und Düfte saß. Das war eine Zeit des Gebets ohne Worte, ein Gebet, weil die ganze Schöpfung um mich herum mit Licht pulsierte, und ich konnte dort sitzen und alles wahrnehmen und das Wasser um meine Hände spielen sehen, wenn sie in den Fluss eintauchten.

Und jetzt, ein halbes Jahrhundert später, ruft mich dieser Garten wieder. Seine Geschichte erzählt mir von einer anderen Weise zu sein, die sowohl der Stille wie auch der Liebe angehört wie auch den einfachen Geräuschen der Natur, dem Vogelgesang und dem Wind in den Bäumen, dem über Steine gurgelnden Wasser. Ich will versuchen, diese Geschichte so zu erzählen, wie sie mir kommt, während ich über die Wege dieses Gartens gehe und die Erinnerungen in der Luft fühle. Dies ist für mich die Welt vor dem Sündenfall, bevor wir vergessen haben, als Magie und Wunder so gegenwärtig waren wie der Atem.

Doch bevor ich diese Wege entlang wandere, noch bevor ich diesen Garten der Magie und des Wunders überhaupt betrete, wo das duftende Geißblatt über die Mauer rankt und der Jasmin eine Symphonie weißer Süße ist, muss ich ein wenig über die Dunkelheit sprechen, denn gegenwärtig wird ein dunkler Faden in den Teppich des Lebens eingewoben. Diese Pandemie konfrontiert uns mit kollektivem Leid, Angst vor dem Tod und Angst um die Gesundheit unserer Lieben wie auch um unsere eigene Zukunft. Da gibt es auch die Qualen der Armen, Hunger und bittere Not, die Wanderarbeiter ohne Dach über dem Kopf, ohne Beschäftigung und damit ohne Essen. Dieses Leiden ist Tatsache und berührt die sozialen und ethnischen Ungleichheiten unserer Kulturen. Und während sich das um uns herum zuträgt, sehen wir uns der Perspektive auf die vielen Katastrophen ausgesetzt, die mit dem fortschreitenden Klimazusammenbruch unsere Welt immer stärker überziehen werden – und zwar nicht als wissenschaftliche Prognose, sondern als ganz und gar erlebte Realität, die noch mehr Flüchtlinge in Lagern und Migration mit sich bringen wird, Hungersnöte, wenn die Ernten in Folge der Dürren oder Überschwemmungen immer häufiger ausfallen. Ja, wir erfahren die Samen der Liebe und des Mitgefühls, indem die Gemeinschaften zusammenfinden und sich gegenseitig helfen und unterstützen. Doch wir dürfen nicht die dunkle Seite der kommenden Jahre verdrängen, wenn Sorge zur Angst, Hunger zur Hungersnot und soziale Unruhe zu sozialem Zusammenbruch führen. Diese Zeit des Übergangs wird nicht leicht sein. Es ist ein düsterer Preis, der für den Missbrauch der Erde gezahlt werden muss, für all die Jahre, die wir in unseren Mustern des Nichtwahrhabenwollens verloren haben, mit unserer Ausbeutung, unserer Gier und Korruptheit, trotz all der Warnungen, die uns gegeben worden sind.

Als wir zum ersten Mal vor langer Zeit in dem Garten umhergingen, waren wir noch Kinder – unschuldig, nackt und unwissend. Wenn wir uns jetzt wieder erinnern, durch das Tor zu gehen, das immer offen ist, werden wir den Preis unserer Vergesslichkeit bezahlt haben. Wir werden gelitten und geblutet haben. Anders ist es nicht möglich.

Und jetzt, wo wir uns so weit von der QUELLE entfernt haben, ist es notwendig, dass wir uns unserer Ursprünge erinnern, dass wir zu dem Ort zurückkehren, an dem wir vor so langer Zeit geboren wurden. Unsere Wissenschaftler erzählen uns, dass der Ursprung unseres Universums der Urknall vor fast vierzehn Milliarden Jahren gewesen ist, als aus der Nicht-Existenz heraus als erstes Licht geboren wurde und dann das physikalische Universum ins Dasein kam. Und dann, vor nur vier Milliarden Jahren, zeigte sich das erste Leben auf dem Planeten.

Aber unsere Heimat ist nicht allein der physikalische Planet, sondern auch die numinose Welt der Seele und ihre Erzählungen, Geschichten, die beschreiben, wie unsere Welt zum Beispiel aus der Aboriginen Traumzeit heraus in die Existenz kommt, die nicht irgendeiner definierbaren Vergangenheit angehört, sondern dem „Immerwährend“. Oder wie die Mystiker erfahren: überall um uns herum, jeden Moment eines jeden Tages kommt der Tanz des Lebens in die Existenz, indem die unermessliche Leere Form annimmt. Aber dieses tiefere Verstehen unserer Existenz ist von den Konzepten unseres Verstandes und seinen Denkmustern zugedeckt worden. Deshalb müssen wir, um uns wieder mit der QUELLE zu verbinden, ein ursprünglicheres, reineres Bewusstsein freilegen und dahin zurückkehren. Wir müssen den Garten wieder betreten, wo das Leben, das Licht und die Liebe zuerst miteinander verwoben wurden, wo die Fäden, die unsere Existenz bestimmen, ins Dasein kamen.

Dieser Garten ist überall um uns verborgen, doch gegenwärtig an Orten, wo unser verstandesmäßiges Ich keinen Zutritt hat. Hier stehen die Engel Wache, bewahren die Integrität alles Heiligen, halten das Licht des ersten Tages. Und sie warten auch darauf, dass wir zurückkehren, dass wir die Wolke, die uns zudeckt, diesen Nebel des Vergessens, verlassen und zu dem zurückkommen, was heilig, was essenziell ist, was weder Vergangenheit noch Zukunft hat, auch wenn es beide einschließt. Ja, wir sind aus dem Sternenstaub und jenem ersten Licht geboren; wir wirbelten aus der Nicht-Existenz heraus und wir bergen diese Erinnerung in unserer DNA, in den Zellen unseres Körpers und den Erinnerungen unserer Seele. Und bevor die Erde nur noch tote Materie sein wird, ausgelöscht durch Ausbeutung und Gier, müssen wir diese Erzählung finden, dieses Lied, diesen Tanz, diesen Traum und der Erde dadurch helfen, wieder lebendig zu werden, damit ihre Farben durch die Lüfte singen.

Denn so wie Erzählungen unsere Seele nähren und uns ein Gefühl der Zugehörigkeit geben, so nähren Erzählungen die Erde auf geheimnisvolle Weise. Es ist Teil des uralten Bundes zwischen der Menschheit und der natürlichen Welt, wie Magie in das Netz des Lebens eingewirkt wird und wie diese Magie wieder lebendig werden kann wie in den Songlines der Traumzeit, in dem Symbolen der First Peoples, in den in Stein gemeißelten Spiralen, oder in den auf Höhlenwände in Südfrankreich gemalten Tieren wie Wisente, Stiere und sogar ein Nashorn. Unsere vernunftbetonte Welt mag ja Magie aus unserem Bewusstsein verbannt haben, aber sie ist noch immer in der Erde und ihren Wegen sehr anwesend. Sie erzählt von den verborgenen Mysterien des Lebens, der Macht heiliger Orte oder den Heilkräften der Pflanzen. Das ist traditionell die Domäne der Priester oder Schamanen, aber auch unser gemeinsames Erbe, Teil der Weisheit früher Tage. Und wenn wir mit Ehrfurcht und Dank zur Erde sprechen, wenn unsere Erzählungen, unsere Geschichten wahrhaftig sind, kann die Magie in der Welt erwachen und das Leben nähren, die Wasser reinigen, die verschmutzt worden sind, und ihm die Kräfte zurückgeben, die verloren wurden.

So wie wir vergessen haben, aufmerksam der Erde zu lauschen, so haben wir auch das Wissen verloren, wie man zu Ihr spricht. Wir haben keine Rituale mehr, die uns mit Ihr verbinden, auch hören wir nicht mehr dem Wind zu und dem Wachsen der Pflanzen. Und wir kennen auch nicht mehr die Worte, wie man sich mit Ihr austauscht, oder die Geschichten, die man Ihr singt. All das wartet darauf, wiederentdeckt zu werden, denn es ist unser Erbe und gehört zu unserer Vergangenheit und zu unserer Zukunft, zu unserer gemeinsamen Reise mit der Erde. Der Rhythmus der Trommel und die Rufe der Flöte, das heilige Lied und das Stampfen tanzender Füße – all das war die Art, wie unsere Vorfahren mit der Erde kommunizierten. Unterschiedliche Musik, unterschiedliche Lieder für die einzelnen Jahreszeiten, für die Pflanzzeit, für die Ernte, für die Jagd. Der Duft rituellen Tabaks in der Nachtluft. Und so müssen wir wieder erlernen, wie man zu den Bäumen und Flüssen und Sternen spricht, wie man seine tiefsten Geheimnisse in die Stille der Nacht flüstert, und uns erinnern, dass wir alle eine einzige Familie sind, verbunden von Anbeginn an.

Und mit diesen Worten versuche ich die Geschichte der frühen Tage zu erzählen, Tage des Lachens, der Freude und der Zugehörigkeit. Ich weise zu den Pfaden des Gartens der Seele, den Blumen und Obstbäumen und Quellen klaren Wassers. Und schau – da spielen Kinder, der Augenblick ist gegenwärtig, erfüllt von Magie und heiligem Sinn wie auch von Spaß und Humor. Weil wir uns selber verbannt haben, suchen wir ständig nach dem, was bereits um uns herum da ist, während die Frühlingsblüten fallen. Unsere ganze Kultur ist im Exil, der Boden unter unseren Füßen unfruchtbar. Ja, die indigenen Völker bewahren viel von der Weisheit jener frühen Jahre, die Songlines und die Gaben der Erde. In ihrer Sprache und in ihren Mythen und Geschichten haben sie dieses Erbe weitergereicht, obwohl sie oft vertrieben wurden und man ihnen ihre Stimme zusammen mit dem Land, das sie lehrte, aberkannte. Aber wir können nicht zu ihren Lebensweisen zurückkehren. Diese Zeiten in den Wäldern oder den Steppen und Wüsten sind zu fern für die meisten von uns. Wir müssen stattdessen unseren eigenen Weg gehen, mit unseren eigenen Füßen den Boden wieder entdecken, der so nah ist und so fern. Doch bevor wir finden können, was wir brauchen, müssen wir uns eingestehen, dass wir verloren sind.

Es ist hart zu sehen, wie eine ganze Zivilisation ihren Weg verloren hat und unter den Trümmern ihrer Konsumträume und ihrer Strukturen der Ausbeutung begraben wird. Doch was verloren gegangen ist, kann auf neue Weise wiedergefunden werden – als das Wiedererwachen der Seele der Menschheit und der Seele der Welt. Viele Jahre lang wird die äußere Welt weiter ihren Preis bezahlen müssen: mit gesellschaftlichem und wirtschaftlichem Zusammenbruch, indem die Zivilisation den Problemen der Klimakrise ausgesetzt ist, und die derzeitige Pandemie bietet uns einen Vorgeschmack davon. Aber für diejenigen, deren Herzen offen sind, gibt es einen Samen für eine neue Daseinsweise, und meine Aufmerksamkeit richtet sich darauf, eine Verbindung zwischen den Welten zu halten, zwischen der äußeren Welt der Form und der inneren Welt, der Geist- und Seelenwelt, und sie in einem Tanz der Liebe wieder zusammen zu bringen. Und während dies die Arbeit der Schamanen und Seher seit frühesten Tagen gewesen ist, kommt jetzt eine neue Note hinzu, ein Ruf und eine Antwort: Der Schrei der Erde ist von denen, die der Liebe angehören, vernommen worden, und etwas kann dem Herzen der Welt gegeben werden, damit es singt.

Deshalb ist die Rückkehr zum ersten Tag so essenziell, denn in jener Zeit vor der Zeit ist ein Ort der Reinheit und des Heilens, „ein reiner Strom der Wasser des Lebens, klar wie Kristall“. Und aus diesem Wasser kann etwas Neues geboren werden – nicht aus den Strukturen der Vergangenheit mit ihren Mustern von Macht und Ungleichheit, ihrer Aufspaltung in männlich und weiblich, in Geist und Materie, sondern in der Ganzheit des Lebens, wie es zu Anbeginn war.

Wie alle Samen wird dieser Neuanfang warten und in der Dunkelheit keimen müssen, bis die äußere Welt sich umwendet und der Frühling ins Land zurückkehrt. Traurigerweise kann diese herannahende Jahreszeit des Winters und der Dunkelheit wegen unserer Gier und unseres Missbrauchs der Erde Jahrzehnte andauern. Wir kommen in eine Zeit der Verfinsterung des Lichts, was zum Ende einer Ära gehört. An diesem Punkt sind all unsere Träume von einem globalen Systemwechsel oder einem spirituellen Erwachen verfrüht. Sogar in der gegenwärtigen Pandemie – als man hoffte, der Schock würde uns warnen, die Erkenntnisse der Klima-Wissenschaftler nicht ernst zu nehmen und abzuwarten, bis es zu spät ist – gibt es wenig Anzeichen für eine wirkliche Veränderung. Eher erleben wir den Wunsch der Regierungen, so schnell wie möglich zur „Normalität zurückzukehren“. Dabei hatte in Hongkong ein schon zu Beginn der Pandemie geschriebenes Graffiti verkündet: „Wir können nicht zur Normalität zurück, weil das Normale, das wir hatten, genau dieses Problem ist.“

Und da unsere globalen Systeme, die auf dem Mythos des materiellen Wohlstands basieren, gefördert von autokratischen Politikern und korrupten Konzernen, so fest verankert sind, werden wir sobald wie möglich zu billigen Flügen und Wegwerf-Waren zurückkehren und damit fortfahren, unsere Luft zu verpesten, unsere Meere mit noch mehr Plastik zu füllen und immer mehr unserer alten Wälder für Palmölplantagen abzuholzen. Die gegenwärtigen Machtstrukturen und die Angst vor einer wirklichen Veränderung werden dafür sorgen, dass wir das Ungleichgewicht aufrechterhalten, das diese Krise ausgelöst hat, ebenso wie die gesellschaftliche und ethnische Ungerechtigkeit, die sicher stellt, dass die Armen am meisten leiden. Es wird Zeit brauchen „dem Leben der Konsumgüter zu entkommen und es mit dem Leben der Gemeinschaften zu tauschen“ und wieder zu lernen, in Harmonie mit der Natur zu leben. Und es wird schmerzhaft sein, wenn die alten Strukturen zusammenbrechen. Aber diejenigen, die Hüter der heiligen Wege sind, werden den Samen in ihren Herzen und der Erde bewahren und sie mit ihren Gebeten und ihren Tränen wässern, wie sie es immer getan haben.

Ja, wir müssen lernen, wie man am Ende einer Ära lebt, in einer Zeit der wachsenden Unsicherheit, der Unruhen, ja sogar des zunehmenden Chaos. Wir werden mehr und mehr den Wert der Fürsorge, des Mitgefühls und der Gemeinschaft erkennen und die Instrumente radikaler Resilienz entwickeln, wie wir das jetzt schon in unserer Antwort auf das Virus erleben. Am wichtigsten ist, dass wir wieder herausfinden, was es heißt, für eine Zukunft von sieben Generationen oder länger zu handeln. Wir versuchen vielleicht, uns eine Zukunft mit sauberer Energie, lokal angebauten Nahrungsmitteln und einer Wende zur Schenkökonomie hin vorzustellen. Doch damit sich das Leben erneuern kann, damit der Samen gedeiht, müssen wir uns zu allererst dem Nicht-Wissen und der Unsicherheit öffnen und dadurch der tieferen organischen Weisheit der Erde gestatten, wieder an die Oberfläche zu kommen, diesem Wissen, das Kenntnis von der allen Dingen innewohnenden Ganzheit hat und die Menschheit nicht als getrennt von der Natur mit ihren zahllosen Bewohnern betrachtet. Ohne diese Umkehr zum Grundlegenden werden wir in den Trümmern dieser von uns geschaffenen fragmentierten, verwüsteten Welt verharren.

Natürlich wird es in diesen Jahrzehnten der Verfinsterung die kleinen Freuden des Lebens und der Liebe geben – das Leuchten in den Augen eines Kindes und der Kuss sich Liebender. Wir werden Brot backen und Marmelade aus den Früchten im Garten kochen und womöglich die eine oder andere unserer Technologien gegen die Stille und das Lauschen eintauschen. Unsere Welt wird nicht durch die Wissenschaft gerettet werden; ihre Wunden sind zu tief, ihr Ungleichgewicht zu fundamental. Aber es gibt ein neues Wissen, das darauf wartet, entdeckt zu werden, wie auch die uralte Weisheit der Erde uns lehren kann. Die Erde ist immer großzügig. Worauf es ankommt, ist, dass wir wieder Bescheidenheit und Empfänglichkeit lernen und aufhören, der Natur unseren Willen aufzuzwingen. Wir können zwar nicht mehr zu der einfachen Lebensweise indigener Völker zurückkehren, doch wir können wieder Wege finden, so zu leben, dass wir uns nicht weiter von unserem gemeinsamen Haus entfremden. In der jetzigen Zeit sollten wir, statt Pläne für neue Systeme oder eine imaginäre Zukunft zu entwerfen, die wahrscheinlich nie eintritt, uns auf unserer Reise zurück durch das Tor in den gegenwärtigen Augenblick führen lassen, wo der Garten der Seele der Welt unsere Aufmerksamkeit braucht.

Meine Geschichte hat mich zu diesem Ort der reinen Liebe, des Lichts und der Freude zurückgeführt, diesem Ort des Werdens, wo die Essenz des Lebens Form annimmt, wie in den Minuten nach dem Urknall, als das Licht geboren wurde. In mir gibt es eine Erinnerung an die frühen Tage unseres Menschseins hier auf der Erde, als alles lebendig war und in seiner wahren Natur erkannt, als das Lied der Seele der Welt klar zu hören war – in den Klängen der Schöpfung, im Fallen des Regens, im Chor der Zikaden, im Schrei des Käuzchens, aber auch in der Stille, die zu dieser Zeit gehörte. Und jetzt, wo die Sonne durch den Nebel des frühen Morgens gebrochen ist und ich in den Garten schaue, den meine Frau am Hang nahe des Hauses angelegt hat, kann ich diese Gegenwart noch fühlen. Hier ist Frühling – die Obstbäume voller sich zu Blüten öffnender Knospen, die sich lavendelblau über den Gartenschuppen ergießende Glyzinie. Bald werden weitere Farben hinzukommen, Violetts, Gelbs und Rosas, und sie bringen neue Düfte mit. Der Garten wird lebendig mit seinen Buddleja-Sträuchern und Fingerhüten, am Zaun hochrankenden Clematis, mit Kolibris, die mit ihren langen feinen Schnäbeln den Nektar aus Blüten trinken. Das ist ein Treffpunkt der Welten, wo alles willkommen geheißen wird, die Geister des Landes und die Wesen des Lichts, voller natürlicher Magie, so, wie es immer war, zu Anbeginn.

II

Die Corona Virus-Pandemie hat uns gezeigt, wie schnell uns alle ein Ungleichgewicht in der Natur betreffen kann und betreffen wird, plötzlich und ohne Rücksicht auf Landesgrenzen und Kontinente. Wir haben miterleben müssen, wie unser Gesundheitssystem in den USA überfordert worden ist, unsere wirtschaftlichen Strukturen zusammengebrochen sind und die wachsenden Menschenschlangen vor den Lebensmittel-Ausgaben das soziale Ungleichgewicht deutlich machten. Und alle, die nicht in dem Irrglauben des Leugnens gefangen sind, wissen: das hier ist nur eine Warnung, ein Vorbote unserer kommenden Klimakrise. Ja, es gibt hoffnungsvolle Anzeichen, wie rasch sich die Natur erholt und die Luftverschmutzung nachlässt, wenn die menschlichen Aktivitäten zurückgefahren werden, wie die Kormorane in dem jetzt klaren Wasser der Kanäle von Venedig nach Fischen tauchen, und Wildziegen durch Walisische Dörfer streifen. Aber diese Pause bleibt nicht. Und obwohl schon so viele unter der unzureichenden globalen Reaktion auf die vorübergehende Realität dieser Pandemie leiden, wird unsere Passage durch die Klimakrise doch weitaus schmerzvoller sein.

So viel Arbeit muss in der äußeren Welt getan werden, um die kommende Krise einzugrenzen: die CO2-Emissionen verringern, Bäume pflanzen, Sumpfgebiete renaturieren, erneuerbare Energiequellen einsetzen, unsere Nahrung auf weniger Fleisch- und Milchprodukte umstellen und ökonomische Modelle entwickeln, die unsere derzeitige soziale und ethnische Ungleichheit beheben. Wir werden uns alle bemühen müssen, die alte Welt loszulassen, zu vereinfachen und nachhaltiger zu leben. Warum sollten wir angesichts solcher konkreter Herausforderungen unsere Aufmerksamkeit einem Traum zuwenden, einer Vision eines mythologischen ersten Tages? Wie kann uns das dabei helfen, das kommende Leid zu lindern?

Es gibt einen einfachen Grund: Wir sind Kinder einer Zivilisation, die ihren Weg verloren hat, die finanziellen Gewinn über menschliches Wohlergehen stellt und pathologisch ihr eigenes Ökosystem zerstört. Wenn wir nicht den Weg zurück finden, werden all unsere Bemühungen nicht fruchten, die Welt ins Gleichgewicht zu bringen. Es ist absolut notwendig, zur „Wurzel der Wurzel“ zurückzukehren, denn der Kern unserer Notlage ist unser kollektives Vergessen der Heiligkeit der Schöpfung. Weil wir nicht mehr wissen, dass die Erde heilig ist, beuten wir sie als Rohstoffquelle aus und die Menschen sind zu Konsumenten geworden, die dieses ökonomische Leitbild zu erfüllen haben.

Und deshalb besteht die Notwendigkeit, gibt es einen Ruf, zum Anbeginn zurückzukehren, als sich die Tore des Paradieses noch nicht hinter uns geschlossen hatten, als wir noch um die heilige Natur von allem Existierenden wussten. Es ist eine Tatsache, dass jede wirkliche Reise eine Rückkehr ist, „dort anzukommen, wo wir aufgebrochen sind, und den Ort zum ersten Mal kennen zu lernen.“ Solch eine Reise ist eine Reise des Erinnerns, des Enthüllens von dem, was essenziell ist und das so häufig unter der Oberfläche verborgen ist. Und jetzt, wo sich unsere globalen Strukturen als unzulänglich und sich unsere Bilder von Fortschritt als falsch erwiesen haben, müssen wir zu einer Erzählung außerhalb der Zeit zurückgehen, dahin als die QUELLE frei floss.

Und wir müssen uns auf die Wirkmacht von Erzählungen besinnen. Das Narrativ, das unsere gegenwärtige globale Zivilisation erschaffen hat, ist das des ständigen Wachstums und des Konsums. Es ist die Grundlage für den amerikanischen Traum und die Idee, dass es jeder Generation besser gehen wird als der ihrer Eltern, unter dem Aspekt, „mehr heißt besser“. Diese Geschichte hat Millionen aus der Armut geführt, doch sie hat zugleich wenig Interesse an unserem derzeitigen Wohlergehen, und ihre dunkle Seite sind die ökologischen Auswirkungen. Es ist ein Glaubenssystem, das wachsende Ungleichheit und Ökozid bedeutet wie auch den Diebstahl der Zukunft künftiger Generationen. Greta Thunberg drückt das so aus:

Unsere Zivilisation wird zugunsten einer sehr kleinen Anzahl von Leuten geopfert, die weiterhin riesige Gewinne machen. Unsere Biosphäre wird geopfert, damit Leute in Ländern wie meinem in Luxus leben können. Es ist das Leid der Vielen, die für den Luxus der Wenigen bezahlen.

Dieses Narrativ hat eine Handvoll Leute reich und mächtig gemacht und uns so sehr in seinen Bann geschlagen, dass wir in seinen Behauptungen gefangen sind. Um noch einmal Greta zu zitieren: „Ihr redet nur davon, Fortschritte zu machen mit denselben schlechten Ideen, die uns in diesen Schlamassel gebracht haben. Auch noch, wenn es das einzig Vernünftige ist, die Notbremse zu ziehen.“

Und jetzt, wo die Pandemie für einen kurzen Moment die Notbremse gezogen hat, haben wir die Chance, uns zu erinnern, dass es noch eine andere Erzählung gibt, eine Geschichte, die so machtvoll ist, dass sie in unseren unbewussten Erinnerungen, in unseren Mythen, Jahrtausende lang fortgelebt hat. Sie ist so viel „wirklicher“ als die Geschichte von Billigwaren aus China. Sie gehört zu unserem Uranfang und zur Quelle des Lebens. Und statt uns verarmen zu lassen, kann sie uns stärken; statt das Netz des Lebens zu zerstören, kann sie die gesamte Schöpfung erhalten.

Und es ist eine Liebesgeschichte, denn die Liebe ist die Grundlage aller Existenz – die Energie, die Macht, welche die Schöpfung aufrechterhält. Ohne die Liebe würden die Atome aufhören, sich zu drehen, und die Hoffnung würde sterben. Die Mystiker wissen, dass das Gesamt der erschaffenen Welt eine Ausgießung von Liebe ist, gehalten durch die Liebe. Und ganz am Anfang, in dem immer gegenwärtigen Augenblick, wurden Liebe und Licht zusammen geboren – aus der Leere heraus, aus dem Formlosen kam die Liebe ins Sein und webte die Fäden der Existenz. Und auch jetzt, wo wir unseren Weg verloren haben, gehören die Liebe oder die Sehnsucht nach der Liebe zur zentralen Essenz des Menschseins. Wir können das an unseren instinktiven Reaktionen in der jetzigen Pandemie sehen, wo in dieser Zeit der Not Liebe und Fürsorge für andere aufscheinen. Doch kollektiv leben wir weiterhin eine Geschichte des Geldes, ohne Herz, ohne diese zentrale Note. Wir müssen unseren Weg zurück zur Liebe finden, und der vergessene Garten verbindet uns wieder mit der Liebe – das ist Teil seines Geheimnisses, seiner Magie.

Und die Liebe gehört zur Einheit. Wir kennen das aus unseren menschlichen Beziehungen, wie die Liebe uns näher zueinander zieht, und in ihren intimsten Momenten können wir zu physischer Einheit verschmelzen. Sie kann in uns auch das Bewusstsein wecken, dass wir eine einzige menschliche Familie sind, und auf tiefster Ebene vermag sie uns wieder mit dem essenziellen Einssein allen Lebens zu verbinden – mit der Erde selbst. Die Liebe wird uns erinnern, dass wir Teil des Lebens sind, dass wir zusammengehören und zu diesem lebenden, leidenden Planeten. Wir brauchen nur „Ja“ zu sagen zu diesem Mysterium in unserem Herzen, uns für diese Liebesverbindung zu öffnen, die uns alle eint und in das Netz des Lebens eingewoben ist. Nur von diesem Ort lebendiger Einheit aus können wir einander in der jetzigen Krise unterstützen und dann in eine Zukunft gehen, welche die heilige Natur allen Daseins anerkennt und empfindet und auf diese Weise unsere Welt wieder ins Gleichgewicht bringt. Wir können aus dieser Krise mit einem tieferen Bewusstsein für unser gemeinsames Menschsein und unsere Liebe für unser gemeinsames Haus hervorgehen, für dieses Mysterium und Wunder. Oder wir bleiben gestrandet an den trostlosen Küsten des Materialismus hängen wie in einem Supermarkt, dessen Regale immer leerer werden.

Die Liebe ist wie der Garten der Seele nicht weit weg, nicht versteckt in einem entfernten Wald oder hinter einer Bergkette. Die Liebe ist einfach hier in unseren Herzen wie auch in der Luft um uns herum. Und die Liebe ist der Boden der Freude, das schlichte Wunder von Leben, das ins Dasein kommt. Wir können beides, die Liebe und die Freude, am ehesten bei der Geburt eines Kindes fühlen, diesem essenziellen Segen. Und dann im Lachen der Kinder, wenn wir ihnen beim Spielen zusehen, bevor sie meinen, wie ihre Eltern sein zu müssen und vergessen, bevor das Leben zugedeckt wird, wenn es noch, Moment für Moment, um seiner selbst willen gelebt wird, bevor die Anforderungen des Erwachsenwerdens sich dazwischen schieben. Wenn man genau hinschaut, ist immer etwas Magisches da, etwas, das weder gelehrt noch gelernt werden kann, und leider so oft durch Lehren und Lernen verloren geht. Es ist ein Vogel, der gerade singt, und Sonnenlicht auf dem Wasser.

Warum manchen Kindern dieses äußerst kostbare und doch einfache Geschenk in der Kindheit gegeben wird, während andere es nie erfahren, ist auch ein Geheimnis. Es findet sich vielleicht öfter in einer Mietwohnung als in einer Villa. Ich habe es nie in meiner Kindheit der oberen Mittelklasse kennen gelernt, und ich glaube auch nicht, dass meine Eltern wussten, dass es so etwas gibt. Ich musste warten, es über die Augen meiner Kinder zu erfahren, in ihrem Spiel und Lachen diese freudige Magie zu spüren, und dann mit Trauer zuzuschauen, wie sie verschwand, als die Kindheit vorbeiging. Ich glaube, sie gehört zur Liebe, und da, wo die Liebe anwesend ist, blüht sie auf und strömt. Ohne die Liebe gibt es keinen Boden für die Freude. Aber die Liebe kann in so vielerlei Gestalt gegenwärtig sein, deshalb gibt es keine Begrenzung, wo die Freude sich zeigen, wo das Wunder des Lebensfrühlings aufblühen könnte.

Unsere Reise geht jetzt dahin zu erinnern, sich wieder zu verbinden, zu diesem Ort der Liebe und der Freude und der Anfänge zurückzukehren. Dort wird die Zukunft geboren, nicht in irgendeinem Plan oder Projekt, wie wohlmeinend es auch sein mag. Ohne dieses Wunder wird das Leben eine Totgeburt, ohne diese Liebe werden die Tage eher grau sein als von Farben und Entdeckungen erfüllt. Das ist die Schönheit der Erzählung, die uns angeboten wird, etwas, das so einfach ist, so ursprünglich, dass es leicht zu übersehen ist. Doch wenn wir das Lachen und das Staunen von Kindern wieder wachwerden lassen, wenn wir diese Note der Liebe halten und sie in unser Leben bringen können – in unser Kochen, in unsere Freundschaft, in unsere täglichen Begegnungen mit anderen und mit der Erde –, dann wird ein Geheimnis zurückkehren. Wir werden dann entdecken, dass wir keine Verbannten mehr sind, dass der Boden unter unseren Füßen heilig ist und wir gehalten, unterstützt und genährt werden vom Leben um uns herum, unseren Freunden und Gemeinschaften, menschlichen und anders-als-menschlichen. Wir wissen dann wie ein Baum im Wald, dass wir nicht allein sind, sondern Teil eines Gewebes, eines Netzwerks des Lebens, in dem man sich gegenseitig heilt, unterstützt und nährt, wie es schon immer gewesen ist, bis wir beschlossen haben, dass Wettbewerb wichtiger ist als Zusammenarbeit, bevor wir die ursprünglichen Weisungen vergessen und unseren Weg verloren haben.

III

Wie holen wir eine Geschichte aus den Seiten eines Buchs und bringen sie in unser Leben zurück? Die Geschichten der indigenen Völker gehören zu ihrer oralen Tradition und wurden wieder und wieder erzählt, aber sie sind auch Teil ihrer Lebensweise, ihrer Beziehung zu den Tieren und Pflanzen ihrer Umgebung und zum Geist des Landes, das immer heilig war. Skywoman verstreute die Samen von allen möglichen Pflanzen, der erste Samen war Sweetgrass, dessen Duft einem hilft, Dinge zu erinnern, die man vergessen hat, während in der Legende vom Lachs seine jährliche Rückkehr sichergestellt wird, indem man die Lachsgräten zurück in den Fluss wirft. Erzählungen und Rituale werden von Generation zu Generation weitergereicht und prägen Tradition und Lebensform. In ihnen spiegelt sich die lebendige Verbundenheit zum Land, zur Natur. Aber jetzt sterben unsere Kultur und unser Land, weil unsere zentrale Geschichte kein Herz hat und unsere Beziehung zur Erde von Beherrschen statt Zusammenwirken oder Dankbarkeit bestimmt ist.

Bei unserer Rückkehr zum Anbeginn müssen wir einen Ort finden, wo die Erzählung lebendig werden kann und in unserer eigenen Sprache zu uns spricht. Dann erwacht ihre Magie, und die einfache Kraft einer lebendigen Geschichte kann uns dabei helfen, körperlich und spirituell in Harmonie mit der Erde zu leben. Wir können dadurch zum Bund der Liebe zurückkehren, der Kern unserer gemeinsamen Existenz ist. Dann können wir wieder zusammen mit der Erde reisen.

Es ist wichtig zu wissen, dass für die frühen Geschichtenerzähler die sichtbare und die unsichtbare Welt, Materie und Geist, nicht getrennt waren. Tiere waren vom Geist erfüllt, Berge, Seen und andere heilige Orte besaßen spirituelle Kraft. Es gibt viele Orte, an denen man die Anwesenheit der Geistwelt spüren kann – in Hainen mit alten Bäumen oder zwischen den uralten Menhiren. Die Sinne stimmen sich dort leichter auf das Unsichtbare ein, und das Fühlen bekommt Raum gegenüber den Fakten. So ist zum Beispiel eine Pilgerreise eines tibetischen Buddhisten von Ort zu Ort gleichzeitig eine innere visionäre Reise. Es gibt da keinen Unterschied. Wachsein und Traum sind in den ursprünglichen Geschichten ineinander verwoben. Skywomans ursprüngliche Weisungen, die bis heute noch gültig sind, lauten: „Benutze Geschenke und Träume für Gutes.“

Sogar in unserem jetzigen Vergessen lässt sich der Geist hier und da in der Natur fühlen. Ich erinnere mich, wie ich als junger Mann zum ersten Mal einen Tropensturm erlebte, während ich auf einer Insel vor der Küste Papua-Neuguineas war. Zuerst sah ich nur eine Wand dunkler Wolken, die sich am Horizont von der See bis zum Himmel ausdehnte, und dann kam der Wind und bog die Palmen fast bis zum Boden. Schließlich begann der Regen, eine vertikale Wand aus Wasser, der in wenigen Momenten alles durchtränkte. Es war grandios, mächtig, und klatschnass und von Ehrfurcht erfüllt stand ich da. Alle meine Sinne waren erfasst und eingetaucht in diese Macht. An einem Sommermorgen löst ein in der frühen Sonne von Tauperlen glitzerndes Netz eine ähnliche Empfindung von überwältigendem Staunen aus, auch wenn es diesmal nur eine kleine, flüchtige und fragile Schönheit ist.

In solchen Momenten ist die Geistwelt sehr da, Ehrfurcht und Staunen ergreifen uns. Leider gehen wir meist vorbei, ohne zu merken, wie unsere Seele berührt worden ist. Doch wenn wir mit diesen Augenblicken „in und außerhalb der Zeit“ sein können, werden wir erleben, dass wir in eine Welt gelangt sind, die sich sehr von unserem geschäftigen Leben unterscheidet – wir sind dann zurück auf einer Erde, auf der unsere Vorfahren umhergingen, bevor der Vorhang zwischen den Welten fiel, bevor wir anfingen zu vergessen. Hier gibt es keine Zeit, keine Bilder von Fortschritt, kein Bedürfnis zu besitzen oder anzuhäufen. Stattdessen sind wir gegenwärtig in einem Leben, das unsere Seele wie auch unsere Sinne nährt. Das ist die Geschichte des ersten Tages, und wenn wir sie halten können und fühlen, wie sie uns erfasst, dann können wir ihr helfen, in die Seiten unseres eigenen Lebens einzuziehen.

Dann ist unser Leben nicht mehr nur eine Reise durch die Zeit, sondern eine Pilgerfahrt, die in verschiedenen Dimensionen stattfindet und uns wie der Gang durch das Labyrinth zurück zum Zentrum führt, zu unserem geheimen Selbst, das darauf wartet, entdeckt und gelebt zu werden. Und wenn wir die Vorstellung des Getrenntseins hinter uns lassen können, werden wir herausfinden, dass unser Geheimnis auch Teil des Geheimnisses der Erde ist, unser Träumen Teil des Mysteriums der Erde. Das ist das reiche Spektrum ineinander verwobener Welten, das zu unserem Erbe gehört, das im Geschichtenerzählen weiter besteht, wo das Land lebendig ist, wo die Tiere sprechen können und Bäume mit uns in Kontakt treten. Bewusstsein ist nicht auf die Menschen beschränkt, sondern gehört zur belebten Welt, die wir alle bevölkern. Die simple Macht der Erzählung vermag uns zu einer lebendigen Erde zurückzubringen, wo „Gott lebendig ist und Magie am Werk“.

Um in die Geschichte vom ersten Tag zurückzugehen, brauchen wir einen Moment, der uns ergreift, der uns aus den Begrenzungen unseres rationalen Ichs herausholt und in eine vielfarbigere, multidimensionale Wirklichkeit mitnimmt. Es ist unser älterer Geist, der eher mit Bildern als mit Worten arbeitet, der träumt und fließender ist als unser lineares Denken. Kinder leben noch in diesem vor-rationalen Selbst wie auch Künstler, Dichter und Liebende, und sie helfen, eine Tür offen zu halten für andere, deren Bewusstsein enger ist. Aber wir alle können uns wiederverbinden und erinnern. Daran, wo all unsere Erzählungen begannen.

IV

Wir befinden uns am Ende einer Ära, einer Zeit des Sterbens, deshalb stehen wir auch an einem Neubeginn. Das ist das Wesen der Zeit, die nicht linear, sondern zyklisch verläuft wie die Jahreszeiten und die Sonne. Während wir beobachten, wie unsere Systeme versagen, haben wir die einfache Wahl, ob wir weiter in diesen Strukturen des Missbrauchs von Mensch und Umwelt bleiben wollen. Oder können wir uns einen anderen Weg zu leben vorstellen, der die heilige Natur aller Schöpfung anerkennt? Zeichen für den zweiten Weg finden wir in der Lebensweise der First Peoples, in ihrem Wissen von der Erde, aber so viel davon ist schon lange verloren gegangen, zusammen mit ihrer Sprache und ihrem Land, zerstört wie die uralten Wälder.

In unserer westlichen Kultur gibt es kaum noch Spuren von diesem früheren Wissen. Wir haben die Lehren der vorchristlichen heidnischen Welt verloren und stattdessen eine Kultur geerbt, in der die Erde nicht heilig oder magisch ist, sondern ein Ort des Exils aus dem Himmel.3 Und die Dominanz rationalen Denkens in den letzten Jahrhunderten hat dieses Exil noch vervollständigt. Mythen, Träume und Geschichten haben ihre Kraft verloren. Doch wollen wir den nahenden Winter überleben, müssen wir ihre Numinosität zurückgewinnen, wieder fähig werden, in der symbolischen Landschaft unserer Vorfahren einherzugehen und diese Erfahrung als Samen für die Zukunft zu bewahren.

Diese Geschichte, die ich vom ersten Tag erzählt habe, ist nur ein Weg, uns an das Verlorene zu erinnern und wie wir vielleicht in den Garten zurückkehren können. Es gibt viele Pfade im Garten der Seele, und es gibt viele Möglichkeiten zum Eingangstor zu gelangen. Wichtig ist, dass wir dieses Werk unseres inneren Selbst würdigen und sehen, wie es ein Fundament für künftige Generationen legen kann. Tun wir diese Arbeit des Erinnerns und des Wiederverbindens werden die Kinder unserer Kindeskinder Zeichen finden, die sie brauchen, um eine neue Zivilisation zu erschaffen, die kein Exil mehr ist, sondern ein Ort der Zugehörigkeit. Und wenn sie aus der Liebe heraus ins Leben findet, wird das Herz der Welt vielleicht zu singen beginnen, und Frühling kann wieder ins Land kommen.

 

ANMERKUNGEN

  1. Wenn ich vom Anfang oder Anbeginn spreche, meine ich weniger eine bestimmte historische Periode unserer menschlichen Erfahrung, sondern beziehe mich auf eine innere mythische Erfahrung des Lebens, als es noch in enger Beziehung zum Heiligen und der Erde stattfand, vor dem biblischen Sündenfall, bevor die Trennung von der QUELLE oder dem Göttlichen in unser Bewusstsein Einzug hielt. Ich glaube jedoch, dass es Zeiten oder Orte in unserer Geschichte gegeben hat, wo diese Bewusstseinsqualität unsere Lebensweise bestimmte, so wie es noch immer in einigen indigenen Kulturen ausgedrückt ist.
  2. Literaturverweis: Die Geschichte von Skywoman findet sich in dem Buch: Braiding Sweetgrass von Robin Wall Kimmerer.
  3. Für eine umfassende Beschreibung der Zerstörung heidnischer Kultur siehe Catherine Nixey: The Darkening Age. Die frühen Christen waren skrupellos bei der Verfolgung heidnischer Kulturen, holzten ihre heiligen Haine ab, rissen ihre Tempel nieder, zerschlugen ihre Statuen, verbrannten Bücher und zerstörten ihre Bibliotheken. Es gibt nur Fragmente der vielen heidnischen Schriften, und nur ein Prozent der lateinischen Literatur überlebte die Säuberung. Und die Zensur der christlichen Kirche ist so effektiv gewesen, dass sogar die meisten Spuren der Zerstörung ebenfalls vergessen sind, die Geschichte neu geschrieben wurde.